Magnus Zanon berichtet:

Wie im letzten Jahr, nahm ich auch heuer wieder am Inklusions – Open in Wien teil. Es war bereits die vierte Ausgabe dieses Turniers, in dem Inklusion sehr großgeschrieben wird. Viele blinde und sehbehinderte Menschen befanden sich unter den Teilnehmern, sowie ein Mensch mit starker körperlicher Einschränkung, der in einer Art Liegerollstuhl die Partien auskämpfte. Die SpielerInnen mit Einschränkungen sind immer Fixbrettern zugewiesen, was die Auslosung oft etwas verwirrend macht. So kann jemand mit einem Punkt auch gerne einmal 10 Bretter vor jemandem mit  3 Punkten platziert sein. Die Atmosphäre war wie immer freundlich, trotz aller persönlichen Ambitionen der Denksportler. Zu Beginn jeder Runde geht es etwas hektischer und lauter zu als in anderen Turnieren, da jeder Zug in Partien mit sehbehinderten Spielern angesagt werden muss und der Partiefortschritt auch gerne in einem Diktiergerät dokumentiert wird. Da kann es sich schon mal auszahlen, die Eröffnung etwas langsamer zu spielen, um nicht irritiert zu werden. Man gewöhnt sich jedoch sehr schnell an die einzigartige Kulisse.

Da ich dieses Jahr keine direkte Begegnung dieser Art hatte, hier zwei Bilder

der Begegnung gegen Michael Poeltl aus dem Jahr 2025.

Nun kurz zu meiner persönlichen Leistung.

Als Nummer 8 auf der Setzliste – einige Teilnehmer wurden ausgelost, obwohl sie nicht anwesend waren – strebte ich die Spitzenplätze an. Mit einem guten Run kann dies im nicht übertrieben starken Teilnehmerfeld durchaus gelingen. Die ersten beiden Partien gegen Rudolf Svoboda und Heinz Reisinger, einen alten Bekannten, mit dem ich schon viele Spiele ausgefochten habe, liefen relativ glatt ab. Herr Svoboda gab mir in schon etwas unbequemer Stellung freiwillig einen Bauern, um sich vom Druck befreien zu können, leider gelang letzteres aus seiner Sicht nicht. Ebenso war Kollege Reisinger nach sehr seltsamen Eröffnungsverlauf

sehr rasch einen Bauern in Rückstand. Die Stellung war zwar gut, aber sicherlich noch nicht gewonnen. Am Ende hätte er in ein relativ kompliziertes Turmendspiel abwickeln können, was er aber zu meiner Freude nicht tat, sondern in ein leicht gewonnenes Bauernendspiel abwickelte.

Somit war der Start mit 2/2 perfekt und in Runde 3 wartete mit FM Theodor Gold, der Nummer zwei des Turniers, ein sehr spielstarker Teenager auf mich. Die Eröffnung war von meiner Seite aus sehr vorsichtig gewählt, sodass mein Kontrahent die Initiative übernahm, und ich im Mittelspiel eine wichtige Entscheidung treffen musste. 

Die Züge g3 und h4 spielt man nicht immer so gerne, wenn der Läufer derart gefährlich auf die Königsstellung schaut, aber wenn die Stellung hält, dann hat man die bessere Bauernstruktur und durchaus auch Gewinnchancen. Nach einigen Damenmanövern opferte er in kritischer Stellung eine Figur für 2 Bauern. Es war seine letzte Hoffnung, da das Spiel kompliziert wurde, und er wenig Zeit auf der Uhr hatte. Am Ende stand ein Endspiel mit Turm + 6 Bauern gegen Turm + Läufer + 2 Bauern zu Buche, wobei klar war, dass Schwarz einen Bauern verliert. 

Diese Stellung sollte man wohl auf Gewinn spielen, jedoch hatte ich nach Ta8 Txh5, a4 nicht die Schneid, b4 zu spielen, wegen Td8 Lc3 nebst Td3, weil ich hier Tc5 nicht aus der Ferne gesehen hatte. Es wäre aber die beste Chance gewesen. Mein Gegenüber wollte aber nach b4 Tb8 spielen, was in ein kompliziertes Endspiel mit 5 gegen 2 Bauern + Läufer, das gewonnen ist, mündet, aber nur, wenn man einen konkreten Plan spielt und sieht. Ich entschied mich jedoch nach a4 zu Te5 mit Remisgebot, was unverzüglich angenommen wurde. Schon einige Minuten zuvor war am Nachbarbrett die Partie zwischen GM Nicolaus Stanec und FM Christian Srienz überraschenderweise auch mit einem Unentschieden beendet worden. Srienz war lange etwas besser gestanden, was in Summe zu einem etwas kuriosen Turnierverlauf führte.

Denn in Runde 4 trafen mein ehemaliger Vereinskollege Srienz und ich, und der junge Theo Gold und Stanec aufeinander. Auch diese beiden Partien endeten mit einem X. Im Gegensatz zu meiner Partie, die eher positionellen Charakter hatte und nie wirklich scharf wurde, brannte am Nachbartisch das Brett. Gold opferte seinen b2 – Bauern und hatte dafür viel Druck. Stanec konnte aber seine Stellung mit Hilfe des Mehrbauern verteidigen.

Das führte dazu, dass der Großmeister und der junge Fidemeister nach 4 Runden schon einen Punkt hinter dem Führungstrio lagen und mit mir im Verfolgerfeld die vorderen Plätze jagten. 

Mit 3/4 und einem Spieler mit 1950 Elo in Runde 5, blickte ich hoffnungsvoll einem guten Turnier entgegen. Ich war Favorit auf den Sieg, noch dazu spielte mein Gegner manchmal eine sehr wackelige Variante des Holländers. Ich bereitete mich drei Stunden auf die Partie vor, für mich ungewöhnlich lange, aber die Vorbereitung hatte es in sich und hätte zu einem schnellen Triumph führen können. Hätte, weil mein Gegenüber vielleicht so etwas ahnte und mit 1. d5 eröffnete. Ich war schon etwas entnervt, spielte eine solide Partie, aber ohne große Chancen. Die einzige Chance hatte Herr Stasiv, der in dieser Stellung

Lxf2 hätte spielen können. Ich hatte vermutet, dass dieser Zug möglich war, war jedoch zu müde zum Rechnen. Ich musste der langen Vorbereitung Tribut zollen, aber zu meinem Glück, blitzte er Db5 heraus und die Partie endete friedlich. Es war der einzige Moment im ganzen Turnier, in dem ich schlecht stand.

Ehrlicherweise war ich nach dieser Begegnung etwas frustriert. Mein nächster Gegner war Martin Steinert, oder „Stoani“, wie er genannt wird. Er eröffnet nur allzu gerne mit 1. f3 und auch hier bereitete ich mich etwas intensiver vor, um meinen Gegner vom Brett zu fegen. Die Vorbereitung kam teilweise aufs Brett, jedoch konnte ich „nur“ eine etwas leichter zu spielende Stellung mit kleinem Vorteil erreichen. Bis zu einem Moment, an dem ich eine Gewinnstellung erzielen konnte. 

Ich schätzte jedoch Sxc3 falsch ein, dachte es ist nicht so ganz klar nach Lxd5, und habe einfach zu schleißig gerechnet. Nachdem diese Möglichkeit verpasst wurde, glich Stoani aus, geriet aber schnell wieder in die Bredouille und musste am Ende die Dame für zwei Läufer geben.

Die resultierende Stellung war aber erstaunlich kompliziert und die Partie zu diesem Zeitpunkt schon recht lange im Gange. Erst dachte ich, sie würde bald zu meinen Gunsten enden, doch nach Kf8, was der richtige Zug ist, und Txb7, verrechnete ich mich ein weiteres Mal. Hier gewinnt einzig und allein Txc3. Ich hatte Sorge vor e7 nebst Lf7, was aber einfach mit Kf7 erwidert werden konnte, ein Lapsus, der gravierende Folgen haben sollte. Nach Tb8 funktioniert Kg7 und auch eine Umwandlung hilft nicht mehr, Ke7 könnte aber mit Pech in Matt für Schwarz enden. Ich nahm jedoch nach ein paar Schachs den Bauern auf c2 und der Herr gegenüber auf h7, und plötzlich war die Stellung 0.00. Noch schlimmer, denn nach einigen Zügen musste ich plötzlich ums Remis kämpfen. 

Der Bauer befand sich mittlerweile auf e7, der Turm auf h7 ist unantastbar, es drohten immer Lh5+ sowie Lc6+, und ich musste Dauerschach geben.

4 aus 6 waren per se nicht schlecht, aber nach den beiden starken Remisen nicht das, was ich mir erhofft hatte. In der letzten Runde ging es noch einmal gegen einen eloschwächeren Spieler ans Brett, Mauro Pivi, einen Spieler, den ich schon ein paar Monate zuvor mit Schwarz schon geschlagen hatte. Der italienische Senior war etwas müde angetreten, wie ich selbst auch. Ich opferte früh einen Bauern und hätte schnell die Initiative ergreifen können, spielte aber zu passiv, sodass nicht wahnsinnig viel rausschaute bei dem Opfer. Für Schwarz war die Stellung aber nicht leicht zu spielen. 

Nach Lb5 glaubte ich forciert eine Figur zu gewinnen, jedoch gibt es konkret eine Variante, die hält. Weiß könnte nach Da3 Ta1 Dc5 Sb3 Db4 Ta4 Dc3 spielen und nach Lxc6 Dxc6 hängt der Turm auf a4, und e5, das entscheidende Motiv, ist nicht möglich. Hier sieht man, dass wir alle zum Glück nur Menschen sind, und Mr. Pivi zog nach Da3 Ta1 mit der königlichen Hoheit auf c3, sodass nach Lxc6 Dxc6 e5 ein Springer verloren ging. Hätte er Lxf6 gespielt nach exf6, so hätte er durchaus Kompensation in Form von 4 Bauern gehabt, auch wenn sein König sehr offen stünde, er spielte aber sofort gxf6 und nach Lh6 war die Königsstellung zu löchrig. Ich konnte zu meiner Verwunderung und den Remisen der vergangenen Tage also doch noch Partien gewinnen.

Somit standen am Ende 5/7 zu Buche, keine Niederlage und +12 Elo. Ich war recht zufrieden und mit dem Remis in Runde 3 hatte ich ein kleines Ausrufezeichen gesetzt. Platz 7 am Ende war auch nicht schlecht, für ganz vorne hatte es aber nicht gereicht. GM Stanec holte noch 3 Siege in den letzten 3 Partien, konnte mit 6/7 aber dennoch nur den 2. Platz erringen, denn das Turnier holte sich CM Leo Radnaev mit 14 Jahren. Dritter wurde FM Theodor Gold mit 5.5 Punkten.

Alle Ergebnisse: https://s1.chess-results.com/tnr1380256.aspx?lan=0&art=9&fed=AUT&snr=9&SNode=S0

Bericht, Bilder und Diagramme: Magnus Zanon

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